Probe in Salzburg

Noch eine "Beinahe-Panne". "Probt er nicht zu jeder Zeit, so probt er doch nach Möglichkeit". Das Geheimnis des Erfolges großer Dirigenten, mag ihre magische Anziehungskraft noch so groß sein, liegt ganz wesentlich in ihrer Probenarbeit. Dies galt für Furtwängler, der bei Reisen in jeder Stadt, mochten Saal und symphonisches Hauptwerk noch so bekannt sein, stets eine längere sogenannte Sitzprobe vor dem Konzert verlangte, und so ist es auch bei Karajan, der zwar auf Reisen nur ganz selten noch am frühen Abend eine Extra-Probe abhält, dafür aber an Ort und Stelle, ob es sich um Berlin oder Salzburg handelt, jede freie Minute für Proben benutzt. Daher großes Erstaunen bei den Philharmonikern, als bei den Osterfestspielen 1978 am ersten Tag nur eine Nachmittagsprobe angesetzt war. Da der Vortag als Reisetag galt, hatte Weinsheimer für seine "12" ein Konzert in Feldkirch angenommen, das am westlichen Ende von Österreich liegt, mehrere hundert Kilometer von Salzburg entfernt.

Ursprünglich beabsichtigte man, die Nacht nach dem Konzert in Feldkirch zu verbringen und am nächsten Vormittag gemütlich mit dem Zug zur Mozartstadt zu reisen. Aber was geschähe, wenn der "Maestro" plötzlich seine Meinung ändern und doch noch eine Vormittagsprobe ansetzen würde? Wäre es nicht sicherer, gleich nach dem Konzert den Zug zu nehmen, der allerdings 12 völlig übermüdete Cellisten gegen sechs Uhr früh an ihr Ziel bringen würde? Weinsheimer und andere rieten zur Vorsicht. So nahm man die nächtliche Eisenbahn, und tatsächlich fand sich am Hauptportal des großen Festspielhauses ein grosser Anschlag: Berliner Philharmoniker, erste Probe vormittags zehn Uhr.

Tableau! Wieder einmal hatte Karajan, dem schriftlichen (mit ihm abgestimmten) Probeplan entgegen, eine Änderung verfügt, wobei er oder seine Mitarbeiter annahmen, daß jeder Berliner Philharmoniker sich nach Ankunft früher oder später (besser später, denn die Probenänderung wurde erst gegen Abend angeschlagen) zum schwarzen Brett begeben würde, um aus ihm etwaige Meinungsänderungen ihres "Chefs" zu erkunden. Weinsheimer tat dies gleich nach Ankunft am frühesten Morgen, erschrak und trommelte schleunigst, nicht ohne Schwierigkeiten, seine Kollegen aus den Betten, deren Flüche hier im Wortlaut nicht wiedergegeben werden sollen.

Sicherlich hat sich der eine oder andere gefragt, ob Karajan etwa von dem Konzert im abgelegenen Feldkirch wußte. Wollte er vielleicht seine Cellisten, deren späteres Eintreffen in Salzburg auf Grund des offiziellen Probenplanes mehr als wahrscheinlich war, mit der zusätzlichen Probe auf die Probe stellen, ein Exempel statuieren, im heimischen Salzburg auf preußische Disziplin sehen? Wer ihn, den großen Improvisator, lange genug kennt, wird dies kaum vermuten, sicherlich hatten sich bei ihm, wie so oft, neue Überlegungen eingestellt.

Tatsache bleibt allerdings, daß der Meister an jenem Morgen mit sonst nicht immer gekannter Pünktlichkeit erschien. Dort fand er die Cellisten, wenn auch reichlich verschlafen, aber sonst nur etwas mehr als ein Dutzend Philharmoniker vor. Die anderen hatten es im Vertrauen auf den ausgehändigten Probenplan versäumt, sich in die Altstadt zum Festspielhaus zu begeben, oder waren zu früh dort gewesen, jedenfalls platzte die Probe und ein ziemlich grimmiger Karajan verließ die Szene, worauf sich die meisten Cellisten dem so unsanft unterbrochenen "Schlaf der Gerechten" wieder hingaben. - Diesmal eine Panne für das Gesamtorchester, nicht für die "12". Aber was wäre wohl geschehen, wenn an jenem Vormittag das gesamte Orchester und - keine Cellisten erschienen wären?