Borwitzkys Cello

Stets ist der Schrecken groß - auch bei den Zuhörern -, wenn einem konzertierenden Geiger oder Cellisten plötzlich die Saite reißt; die Aufführung muß abgebrochen, eine neue Saite aufgezogen, von neuem begonnen werden, und meistens ist die Stimmung - im doppelten Sinne des Wortes - dahin. Eine solche Panne ist unvermeidlich, und jeder ein Streichinstrument spielender Solist richtet sich darauf ein. Hingegen ist er in der Regel nicht darauf eingerichtet, daß er mit seinem Instrument zu Fall kommt und dieses hierbei schwer beschädigt wird. Ein solches Mißgeschick ereilte die "12" bei ihrem Konzert in der Passauer Studienkirche.

Man befand sich in der Sakristei des Gotteshauses, spielte sich ein, letzte "Ölung" vor dem Auftreten, dann das Signal hierzu, und die "12" machten sich auf, um vor dem Publikum zu erscheinen. Da verfing sich der Stachel (die kleine Spitze am Ende des Instruments) von Borwitzkys Cello in einer Rille des steinernen Bodens der Sakristei, Ottomar verlor das Gleichgewicht, stürzte über sein Instrument, auch von Ferne vernahm das Publikum einen dumpfen Fall. Als man den Schaden besah, war, Gott sei es gedankt, Borwitzky selbst nichts geschehen, aber sein wertvolles Instrument hatte schweren Schaden erlitten. Der Steg, d.h. die Holzleiste, über die die vier Saiten gespannt sind, war abgebrochen, lag mit den Saiten neben dem Instrument, das selbst ein großes Loch aufwies. Borwitzkys "Fehltritt" hatte einen Schaden von schätzungsweise DM 100.000 an seinem Cello verursacht, und was im Augenblick noch viel ärgerlicher war, das Konzert drohte aufzufliegen. Denn keiner der "12" reist mit zwei Instrumenten. Schließlich ist es schon schwierig genug, ein Violoncello im Auto, Zug oder Flugzeug zu verstauen. Entsetzen in der Sakristei, was tun? 12 ratlose Cellisten mit 11 Instrumenten, der Konzertveranstalter genau so ratlos. Vom Passauer Orchester wußte man, daß es zur gleichen Zeit konzertierte.

Kurz entschlossen trat Weinsheimer vor das Publikum. "Es ist etwas Furchtbares passiert", so begann er; darauf angstvolles Schweigen in der Kirche, wo plötzliches Unheil, Furcht vor Gottesstrafe, nicht selten zu den sonntäglichen Kanzelthemen gehören. War einer der Cellisten schwer erkrankt, Opfer eines Unfalls? - Großes Aufatmen, als Weinsheimer beruhigend mitteilte, daß niemand etwas zugestoßen sei, wohl aber ein Instrument durch einen "Sturz" unspielbar geworden sei und man nun nicht weiter wisse. "Besitzt wohl", so fragte er etwas verlegen, und wie es in einem Zeitungsbericht hieß, "mit belegter Stimme", "einer der verehrten Anwesenden ein Cello, das sich in einem einigermaßen guten Zustand befindet?" - Zuerst langes Schweigen, aber dann meldete sich ein Zuhörer und rief mit lauter Stimme "Ja, ich habe ein Cello, sogar ein recht gutes, ich wohne ganz in der Nähe, warten sie fünf Minuten, dann bin ich zurück". Riesige Begeisterung bei den Zuhörern, nicht minder große bei Weinsheimer. Alle warteten gespannt, und in der Tat kam der "Retter in der Not", Oberstudienrat Toni Glas, mit seinem Instrument in die Sakristei, Borwitzky nahm es voller Dank entgegen, versuchte schnell einige Bogenstriche, verschiedene Griffe... das Konzert konnte beginnen und auch glücklich enden. Gottes Segen in der Studienkirche zu Passau.