Hora Cero: Die 12 Cellisten spielen Tango

»Wenn ich die Musik dieses Albums durchhöre, erscheint es mir fast wie ein Wunder, dass wir alles ohne Dirigent aufgenommen haben, so komplex und vielfältig ist diese Musik. 15 Jahre brauchte es von den allerersten Anfängen bis zur fertigen Aufnahme. Ich bin meinen Kollegen zutiefst dankbar, in gemeinsamer Zusammenarbeit diesen Herzenswunsch erfüllt bekommen zu haben. Danke an alle, die dazu beigetragen haben, dass diese CD nun Wirklichkeit geworden ist.«
David Riniker, Cellist und Arrangeur

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Der Tango und die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker: Das ist eine schöne, alte Liebe, die mit den Jahren nichts an Leidenschaft verloren hat. Im Gegenteil. Am Anfang standen eher praktische Überlegungen, die Martin Menking so beschreibt: »Die richtige Mischung aus 'ernster' und 'heiterer' Musik für ein Programm zu finden, ist für uns immer wieder eine Herausforderung. Den einen ist das Ergebnis hinterher zu klassisch, den anderen zu unseriös.« Tangos seien da »eine ideale Lösung« – wobei die Annäherung an diesen Stil ihre Zeit brauchte.

David Riniker erinnert sich, wie er 2001 seinen Kollegen seine erste Tango-Bearbeitung präsentierte, die postwendend – »weil zu schwer« – abgelehnt wurde. »Neu und fremd«, so Ludwig Quandt, sei der Tango für die Cellisten gewesen, »aber wir spürten auch, dass er uns nie wieder loslassen würde«. Quandt kann auch den Grund für die wachsende Begeisterung benennen: »Das lag natürlich vor allem an Astor Piazzolla, diesem genialen Rebellen, der mit seinem ›Tango nuevo‹ alte Pfade verlassen und damit dem Tango neues Leben gegeben hat.«

Die 12 Cellisten - © Uew Aren

In der Tat: Ohne Piazzolla würden wir beim Stichwort Tango wohl nur an sentimentale Klischees denken – an schmachtende Blicke und Rose zwischen den Zähnen. Erst Piazzolla hat erschlossen, welche unendlichen Ausdruckswelten im Tango verborgen sind. Möglich war das, weil er selber in den unterschiedlichsten Stilen zu Hause war. 1921 als Kind italienischer Eltern in Argentinien geboren, verbracht er seine frühen Jahre in New York, wo der heimwehkranke Vater von morgens bis abends Tangos hörte. Als Piazzolla 1937 nach Buenos Aires zurückkehrte, war dieser Stil ihm zwangsläufig ins Blut übergegangen, seine Liebe gehörte jedoch dem Jazz und der Musik Bachs.

Erst allmählich widmete er sich auch dem Tango und trat als Bandoneon-Spieler in Bars und Nachtclubs auf. Seine Zukunft aber sah er in der zeitgenössischen klassischen Musik. Auf Vermittlung Artur Rubinsteins wurde er zunächst Kompositionsschüler von Alberto Ginastera und ging dann nach Paris, um bei Nadia Boulanger zu studieren. Piazzolla hat anschaulich geschildert, wie er »kiloweise Symphonien und Sonaten« vor der legendären Lehrerin ausbreitete. Ihr Urteil: Gut geschrieben, hier wie Strawinsky, da wie Bartók, dort wie Ravel – »aber ich finde nirgendwo Piazzolla.« Schließlich nötigte Madame Boulanger dem verschüchterten Piazzolla das Geständnis ab, er sei eigentlich Nachtclub- Musiker. Als er ihr dann einen seiner Tangos vorspielte, war die Sache klar: Hier war der eigentliche Piazzolla.

Die 12 Cellisten - © Uwe Arens

Martin Menking beantwortet die Frage, woran man einen guten Komponisten erkennt, so: »Er hat, anders als die nicht so guten, eine sehr eigene und unverkennbare musikalische Sprache, er klingt nicht ›wie‹ jemand, sondern er ›ist‹ es.« Eine solche starke Individualität ist das Markenzeichen Piazzollas – und des von ihm entwickelten Tango nuevo. Dessen Neuartigkeit besteht eben darin, dass er nicht die immer gleichen Muster und Rhythmen aufwärmt. Alles ist möglich, jedes Experiment, jede Verschmelzung mit anderen Stilen.

Eine Art Glaubensbekenntnis in diesem Sinne ist Piazzollas berühmtestes Werk Libertango (Hörprobe bei Amazon), dessen Titel die Begriffe »Libertad« (Freiheit) und Tango verschmilzt und damit die Loslösung vom überkommenen Tango feiert. Es gibt hier all die Energie und Leidenschaft, die man von einem Tango erwartet, dazu aber auch eine unendliche Palette feinster Nuancen. Schwebend und zackig zugleich ist diese Musik, mysteriös und umschmeichelnd: eine emotionale Weltreise auf engstem Raum.

Oder man höre sich an, wie Piazzolla in Soledad (Hörprobe bei Amazon) das viel strapazierte Thema der Einsamkeit neu auslotet. Aus einem vernebelten Tasten schält sich das nostalgische Thema heraus, mischt sich mit herben Klangflächen, wird nie larmoyant. Selten wurde der Schmerz der Einsamkeit so echt in Musik gefasst.

Überhaupt: das wirkliche, ungefilterte Leben. Immer wieder bricht es sich Bahn in Piazzollas Musik. Zum Beispiel in Buenos Aires hora cero (Hörprobe bei Amazon), wo die Geräusche der nächtlichen Großstadt – bis hin zu den Sirenen der Einsatzfahrzeuge – ein Stimmungsbild erzeugen, das einer symphonischen Dichtung nahekommt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die prominente Rolle der Sprache bei Piazzolla. Oft bildet er sie musikalisch nach, mit dem verblüffenden Effekt, dass konkrete Menschen die Szene zu betreten scheinen. So ist es im Duo de amor (Hörprobe bei Amazon), das mit einem Rezitativ der beiden Liebenden beginnt und bis zum Schluss den Eindruck eines Dialogs vermittelt.

In Lunfardo (Hörprobe bei Amazon) hat Piazzolla sogar erklärtermaßen die Sprache zum Thema gemacht – genauer gesagt, den Einwanderer-Dialekt Lunfardo, der mit dem Tango gemein hat, Produkt einer Subkultur zu sein. Neben den großen, der Gesellschaft abgelauschten Themen hat Piazzolla auch sein ganz eigenes Erleben in Musik gesetzt.

Die 12 Cellisten - © Uwe Arens

Escualo (Hörprobe bei Amazon) ist so ein Fall, in dem der begeisterte Angler Piazzolla seine Begegnungen und Kämpfe mit dem Raubfisch mit einer ausgesprochen bissigen Musik reflektiert. In Pedro y Pedro (Hörprobe bei Amazon) wiederum formuliert er eine ganz persönliche Hommage an die Bandoneonisten Pedro Maffai und Pedro Laurenz. Nicht konstruiert, sondern wie aus dem Moment geboren klingt diese Musik, wodurch ihr Gefühlsausdruck nur umso authentischer wirkt.

Der Nachhall der ungeschminkten Wirklichkeit, die innovativen Klänge und Geräusche in dieser Musik: Das sind natürlich moderne Konzepte, aus denen nicht zuletzt Piazzollas ursprüngliche Ambition spricht, ein bedeutender Komponist der E-Musik zu werden. Auf diesem Album zeigt sich diese Absicht am deutlichsten in Tres minutos con la realidad (Hörprobe bei Amazon), dessen Titel – »Drei Minuten mit der Wirklichkeit« – fast ein Motto von Piazzollas Tango-Stil sein könnte. Es ist dem Stück anzumerken, dass es entstand, nachdem Piazzolla Bartóks Zweites Violinkonzert gehört hatte. Auch die archaische Rhythmik von Strawinskys Le Sacre du printemps scheint nachzuklingen. Aber anders als in seiner Jugend ist Piazzolla hier kein Epigone mehr. Das sichere Fundament seines Stils gibt ihm die Kraft zur selbstbewussten Auseinandersetzung mit großen Kollegen.

Man kann nun fragen: Wo bleibt das schlichte Vergnügen? Piazzolla hat von sich selbst gesagt, dass er das Vergnügen, einen guten Wein und überhaupt das Leben liebe. Und da soll er nie eine durchgehend leichtherzige Musik geschrieben haben? So ist es tatsächlich. Revirado (Hörprobe bei Amazon) beginnt zwar als Musik gewordene Ausgelassenheit, schwenkt dann aber in einen desolaten Mittelteil: ein Kontrast, wie man ihn von Brahms’ Ungarischen Tänzen her kennt. Ähnlich Caliente (Hörprobe bei Amazon), dessen Titel für Hitze, Lebhaftigkeit und sexuelle Erregung steht. All das schwingt im Beginn dieses Tangos mit, ehe sich eine fast absehbare Katerstimmung breitmacht.

Calambre (Hörprobe bei Amazon) gibt sich – seinem Namen entsprechend – durchgehend selbstbewusst, doch der Stolz erhält Risse, gerät zunehmen aus der Balance, ist offenbar nur Fassade. Immerhin: In Decarismo (Hörprobe bei Amazon) – einer Huldigung an den Geiger, Orchesterleiter und Komponisten Julio De Caro – ist die Dramaturgie umgekehrt und führt von melancholischem Grübeln in eine fast optimistische Aufgekratztheit. Das eindeutige und damit eindimensionale Gefühl indessen wird man bei Piazzolla nicht finden.

Die 12 Cellisten - © Uwe Arens

1992 ist Astor Piazzolla gestorben. Der Tango lebt jedoch weiter, und zwar in dem von Piazzolla erneuerten Stil ebenso wie in seiner traditionellen Form. Das zeigt auch dieses Album. Aus der jüngeren Generation kann man Pasquale Stafano kennenlernen, der sich – wie vor ihm Piazzolla – einfallsreich für die Verschmelzung von Tango und Jazz engagiert.

José Carli wiederum präsentiert zwei argentinische Charakterstudien: zum einen La Diquera (Hörprobe bei Amazon) und zum anderen ein Porträt des Tango-Pianisten Para Osvaldo Tarantino, das zugleich eine wunderbar nostalgische Reminiszenz an den Tango alter Schule ist (Hörprobe bei Amazon). Zu dessen prominentesten Vertretern gehört Horacio Salgán: Altersgenosse Piazzollas und hier vertreten mit seiner wohl berühmtesten Komposition A Don Agustín Bardi (Hörprobe bei Amazon).

Piazzolla hat nicht nur nachgeborene Tango-Komponisten inspiriert, sondern auch Legionen von Bearbeitern. Wer beispielsweise nach Arrangements von Libertango forscht, wird auf die unglaublichsten Interpretationen stoßen: Von Grace Jones bis zum japanischen Ukulele-Duo ist alles dabei. Eine Piazzolla- Bearbeitung für Cello-Ensemble ist da eine vergleichsweise naheliegende Idee, weil das Timbre von Piazzollas Instrument – des Bandoneons – dem des Cellos nicht so fern ist.

Dessen ungeachtet bedeutet das Arrangieren dieser Musik eine gewaltige Arbeit, wie David Riniker erläutert: »Da ich von der Mehrheit der Stücke keine Noten habe und sie von Aufnahmen durch unzähliges Wiederanhören abgeschrieben habe, dauert es bisweilen Monate, bis eine Bearbeitung fertiggestellt ist. Sie schwirrt in der intensivsten Zeit dann Tag und Nacht durch meinen Kopf. Manchmal träume ich davon. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich am Morgen die Lösung einer Stelle ganz klar wusste.«

Die 12 Cellisten - © Uwe Arens

Hinzu kommt, dass diese Arrangements nicht für irgendwelche anonymen Cellisten angefertigt werden, sondern für dieses spezifische Ensemble. Jeder Musiker bekommt seine Stimmen auf den Leib geschrieben, entsprechend seinen Vorlieben und besonderen Fähigkeiten. Auch dieses Verfahren ist aufwändig, aber es nutzt das Potential der 12 Cellisten optimal aus. Umso begeisterter war David Riniker, als 2013 Bruno Delepelaire als 1. Solocellist zu den Berliner Philharmonikern stieß: ein Musiker, dessen technisches Können keine Grenzen zu kennen scheint. Für ihn schrieb Riniker das virtuose Solo in Tres minutos con la realidad (Hörprobe bei Amazon).

Dass die 12 Cellisten alle diese Mühen auf sich nehmen, lässt nur einen Schluss zu: dass ihre Liebe zum Tango mindestens so frisch ist wie am ersten Tag. Woher diese Begeisterung kommt? Eine Aussage von Ludwig Quandt gibt einen Hinweis: »Ein durchschnittlicher Tango dauert zwischen drei und sechs Minuten, ist also ein ziemlich kurzes Stück. Woran liegt es, dass er trotzdem wie ein kleiner eigener Kosmos wirkt? Ist es die Kraft der Themen, die manchmal nur aus wenigen Tönen bestehen? Ist es die Harmonik mit ihren schwungvollen und manchmal abrupten Wechseln? Ist es der Kontrast zwischen Lyrik und Motorik, zwischen Stillstand und Rasanz, Liebe und Hoffnungslosigkeit? Die Antwort kann nur lauten: ja, und es ist noch mehr – das ganze Leben.«

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